Zeichen des Glücks an der Wiege. Rezension in "Die Brücke". PDF Drucken E-Mail

„Die Brücke – Forum für antirassistische Politik und Kultur",  Nr. 148, (Mai-Aug. 2008) S. 160

(Rezension: Marianne Pumb, Die Liebe scheint wirrich. Gedichte. Bilder von Arnim Gießmann. Vechta-Langförden, Geest-Verlag 2008, 104 Seiten, 10 Euro ISBN 978-3-86685-109-2)

 

von Gabriele Miketta

 

Gute Gedichte können wie Freunde sein, die einen umarmen, trösten, aufheitern, kritisieren, wenn es nötig ist, die immer für einen da sind und meist die richtigen Worte finden. Solche Freunde gibt es zahlreich in dem neuen Gedichtbändchen von Marianne Pumb ‚Die Liebe scheint wirrich’. Man lässt sich gern auf Zwiesprache mit ihnen ein, jede Zeile atmet das pralle Leben. Die Selbstauskünfte, Alltagsreflexionen, Familiengeschichten, Naturbeobachtungen und politischen Betrachtungen sind subjektiv, authentisch und von absoluter Glaubwürdigkeit. Marianne Pumb ist eine ehrliche Haut, aufrichtig sich selbst gegenüber, aber auch gegen andere - die eigenen Kinder (denen der Band gewidmet ist), den verstorbenen Ehemann, Freunde und Familie. Das macht ihre Lyrik so eindringlich.

Hier gibt eine Auskunft, die viel Leid erfahren hat, aber auch unendliche Liebe, die Krankheit und anderen Widrigkeiten trotzt, durchdrungen von unerschütterlichem Optimismus und Lebensfreude. Sie liebt das unbändige Meer, fröhliche Feste mit Musik und Tanz, gute Gespräche und wappnet sich so stets aufs Neue für das ‚scheußliche Leben, mit den ganz kleinen Kostbarkeiten’.

Die 49 Gedichte und eine kleine Sommergeschichte sind sieben thematischen Kapiteln zugeordnet. Der Abschnitt ‚Nachthunde’ versammelt z. B. Arbeiten, in der die DDR-Vergangenheit der Autorin (Jahrgang 1961) aufscheint: Hundegebell an der Grenze, das sie als Kind beunruhigt; Repressionen, der sie als Pfarrerstochter und Nicht-FDJlerin in der Schule ausgesetzt ist; die Angst um den Liebsten, der sich mit Laken an der Mauer abseilen will; die nach dem Mauerfall wiedervereinigte, aber noch unversöhnte Familie. An biografischen Stationen (Dichtung und Wahrheit gehen hier ineinander über) wird das allgemein Gesellschaftliche verhandelt, fassbar und konkret. Die Selbstermutigung ein FriedensWort zu finden, das die Welt gut macht, rührt ebenso an wie die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens. Doch steckt in diesem an einem ‚sonnigen Sonntag’ entstandenen Gedicht wie in so vielen anderen eine subtile Hoffnung. Oft ist die Zuversicht zart hineingewoben in Zeilen voller Bitterkeit und Ironie. So auch im Gedicht, das die titelgebende Zeile ‚Die Liebe scheint wirrich’ enthält. Typisch für Marianne Pumb ist diese Erfindung von Wörtern, wenn vorhandene nicht taugen. Sie ist zweiflig ab und an, möchte das Elendstierchen in sich wahlweise beglückeln (hier muss man das Rechtschreibprogramm des Computers regelrecht austricksen, damit es nicht immer wieder ‚korrigiert’) oder ertränkeln. Als ein Nutz bleibt ihr nur sachtsam auszudämpfen. Verlassen von der Schläfin, der Schwester des Todes, hofft sie auf deren Bruder.

In Kombination mit so wunderbaren ‚altmodischen’ Wörtern, wie lind, liebkosen, deuchen, gülden oder auch Schlüpfer, entfaltet die Sprache in den häufig reimlosen freien Rhythmen, ein kraftvolles, eigensinniges Spiel. In der Regel ohne festes metrisches Schema, folgen die Verse dennoch Betonungs- und Zeitnuancen, wie sie sich u. a. aus dem Sprachklang ergeben.

Wenn der Inhalt ein Gedicht zu sprengen droht, schreibt Marianne Pumb einfach eine kleine bezaubernde Geschichte und bleibt dabei ihren Stilmitteln treu. In ‚Eis mit Erdbeeren’ endet einen vielleicht nur imaginierter Mutter-Tochter-Streit um Kraftausdrücke und Frauendiskriminierung mit einer wunderbaren Pointe, die hier nicht verraten wird.

Mit ihrem dritten im Geest-Verlag erschienenen Buch überzeugt Marianne Pumb einmal mehr als unbestechliche und behutsame Beobachterin ihrer und unser aller Wunderlichkeiten, Freuden, Sorgen und Nöte. Unwillkürlich ist man an Frauen erinnert, wie sie Maxie Wander porträtiert hat oder wie sie im kürzlich uraufgeführten Dokumentarfilm ‚Sag mir, wo die Schönen sind’ zu Wort kommen. Starke Frauen, souverän und doch verletzlich, den Männern zugetan in gelassener Selbstverständlichkeit.

Sieben zarte Farbbilder von Arnim Gießmann illustieren die Gedichte und beeindrucken gleichzeitig als eigenständige kleine Kunstwerke.