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Liebe Helga Bürster, liebe Marianne Pumb,
liebe Gäste, sehr geehrte Damen und Herren,
wie viele Arten und Weisen gibt es, einen, seinen 50. Geburtstag zu feiern?
Ich habe in meinem Bekanntenkreis gesammelt:
- Da ist die Freundin, die zum Tanzabend einlädt mit Schlagermusik aus ihrer Jugendzeit;
- da ist der Mann, der lügt, dass er seinen 50. Geburtstag noch vor sich habe
und dann Eis essen gehen will,
- die Familienmutter, deren Kinder und Verwandte liebevoll kleine künstlerische Beiträge liefern,
- der Bruder, der vorgibt, den Trubel nicht aushalten zu wollen, nach Mallorca fliegt und insgeheim
inbrünstig hofft, dass seine Freunde, um ihn zu überraschen, nachkommen.
Und dann wäre da noch die Möglichkeit, ein Buch zu schreiben.
Ein Buch, das vordergründig davon handelt, wie man, wie frau,besser: wie zwei Frauen ihrem
Geburtstag aus dem Weg gehen wollen. Aber so einfach funktioniert das nicht! Drei 50. Geburtstage
sind es, mit denen wir es in Helga Bürster und Marianne Pumbs „Mauerschatten“ zu tun haben; drei 50.
Geburtstage: die der beiden Erzählerinnen, die auch die Autorinnen sind, wenngleich hier keine Eins-zu-eins-Autobiografie vorliegt, und der 50. Geburtstag der Berliner, der innerdeutschen Mauer. Und in deren
langem Schatten entwickeln sich Schicksale, hüben wie drüben. Hilde wie Gunda haben deutsche
Geschichte in mannigfaltigen Konsequenzen und Erscheinungsformen hinlänglich am eigenen Leibe,
im eigenen Leben erfahren: sie sollten sich – im Schatten der Mauer – kleinmachen und sich in
scheinbar Unveränderliches fügen, einfügen, anpassen. Und hier wird die Geschichte nun spannend.
Hilde hüben, Gunda drüben, zwei Frauen, die sich irgendwann einmal nicht mehr wegducken, die um ihr kleines bisschen Glück kämpfen, die Schiffbruch erleiden, die unterzugehen drohen und sich doch wieder selbst
aus dem Sumpf ziehen, den die Systeme, Ost und West, für sie vorgesehen haben. Hilfe leisten ihnen
dabei Kusskannen und Entschlossenheit, Schattenmütter und Wut, die Erinnerung an Backröhren,
Querschnittslähmungen im Gemüt und so manches andere.
Es beginnt mit einer Flucht. Hilde tut das, was sie in ihrem Leben immer am besten beherrscht hat, sie
flieht – vor ihrem Geburtstag, der Banalität und Konvention, natürlich auch vor ihrer Vergangenheit. Und
dann wird die Begegnung mit Gunda, dem 2. Geburtstagsflüchtling aus dem entgegengesetzten Teil der
Republik, sie beide zwingen, sich genau diesem Thema zu stellen, ihren Vergangenheiten, ihrem Leben.

(Foto: Inge Witzlau)
Die Auseinandersetzung beginnt bei der einen mit einem alten Foto des unbekannten, des verschollenen polnischen Großvaters, dessen Existenz die gnadenlosen Folgen der „Rassenschande“ über Hildes
Familie gebracht hätte, wäre man nicht jahrelang geübt im Schweigen, im Verschweigen. Das
vergessene Foto entfällt dem vorgeblich zufällig gegriffenen Reiseroman – nämlich Fontanes „Irrungen,
Wirrungen“. Bei der anderen, der ostdeutschen Gunda, nimmt alles seinen Lauf in dem Moment, als
sie vor ihrem Leben, schön übersichtlich verpackt in Kisten und Kartons, sitzt und dabei absichtslos
einen alten Zettel findet des Ehemannes mit seiner sehr ernsten Bitte, ihn auf der Flucht aus der
Republik, in der er nicht mehr leben will, nicht alleinzulassen. Flucht also auch hier. Wie sich zeigen
wird, misslingen sie alle. Gescheiterte Fluchten hüben wie drüben.
Anfangs geduckt unter dumme Sprüche wie „mein noch verbleibendes Leben“ oder „für den Rest meines
Lebens“ gelingt es den beiden Frauen im Fortgang des Romans, nicht nur die Schatten der Mauer,
sondern buchstäblich die Mauer selber zu überwinden. Ein Roman vor der Folie deutsch-deutscher
Geschichte – das ist nicht der erste, das ist nicht zwingend interessant. Was also ist es, das dieses
kleine Buch auszeichnet vor anderen?
Ich musste nicht lange überlegen: Der „Mauerschatten“ ist von berückender Ehrlichkeit. Mal stockt
einem der Atem, mal ist man – oder vielleicht doch eher frau – hingerissen und bewegt von der
Entschiedenheit, mit der die beiden sich „erzählen“, Verantwortung für ihr Tun übernehmen, immer
freier von Pose, immer mehr Masken fallen lassen, Mauern und Fassaden zum Bröckeln bringen, bis
sie einstürzen, mit viel Selbstironie und ohne Angst vor peinlichen Momenten, vor lächerlichen
Situationen, im Gespräch nicht nur zueinander, sondern auch und vor allem zu sich selbst finden.
Ehe es gilt, für die Zukunft zu entscheiden, ob frau nun die Rolle der „verrückten Alten“ mit all
ihren Freiheiten oder nicht doch lieber die der femme fatale einnimmt, die den Badewannen-
butler mit in die Wanne nehmen will, muss die Vergangenheit auf den Tisch, muss das ausgesprochen
werden, was ein halbes Jahrhundert lang tabu war. Das geht nicht ohne Schmerzen, nicht
ohne Tränen, und auch Wein fließt reichlich. Zeugen der Enthüllung sind unter anderem falsche
Grenzposten vor dem Brandenburger Tor, die für die Verlogenheit und Verkitschtheit
so mancher Geschichtsinterpretation stehen, Touristen, für die Grenzen zum Fotomotiv
verkommen sind, aber auch Kellner mit Humor und Witz.
Und zum Schluss lachen sie sie weg, die Katastrophen, das Misslingen, und auch die
Unverschämtheiten, mit denen eine jugendbetonte Gesellschaft, eine männliche Ärzteschaft
erwachsenen Frauen „altersbedingte Defekte“ attestiert, wenn sie nicht konform leben, wenn
sie Entschleunigung dem Tempo vorziehen, Eigenwilligkeit dem Angepasstsein, wenn sie
überleben wollen, ohne sich aufzugeben. Sie erfahren, mit einem halben Jahrhundert
auf dem Kreuz: „Unsere Zeit fängt erst an!“ Im Schatten der Mauer war gut verstecken, er
barg Platz für dunkle Geheimnisse, aber die Mauer ist nicht mehr, es kommt ans Licht, was lange
verborgen war - und es lässt sich dennoch weiterleben. Der Moment des Geburtstags naht
– die beiden, anfänglich ja diesem Moment nach Kräften ausweichend, finden eine unglaubliche
Möglichkeit, ihn adäquat zu begehen, eine Szene, die uns, die Leser, noch einmal staunen lässt.
Denn jetzt ….. müssen Sie selber weiterlesen, und ich verspreche und wünsche Ihnen dazu
großes Vergnügen. Besten Dank!
(Dr. Marlene Müller-Rytlewski)
(Foto: Holger Glück)

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